Foto © Bernd Böhmer

The Who and the What

Schauspiel von Ayad Akhtar

17.01.2023, 20:00 Uhr

The Who and the What

Schauspiel in zwei Akten von Ayad Akhtar, Deutsch von Barbara Christ

mit Heikko Deutschmann (zum 1. Mal auf Schauspiel-Tournee), Matthias Gärtner, Noelle Haeseling, Tatjana Sebben

EURO-STUDIO Landgraf


»Der Riss der Zeit geht durch das Herz«, so übertitelt Autor Daniel Kehlmann seine Laudatio auf Ayad Akhtar, der von einer internationalen Jury mit dem Erwin Piscatorpreis 2019 ausgezeichnet worden war. Ein »Riss der Zeit« geht auch durch das Herz und die Familie des aus Pakistan nach Atlanta im Süden der USA eingewanderten Familienpatriarchen Afzal. Da er aus Überzeugung die überlieferten Konventionen und Werte seines Heimatlandes aufrechterhält, gerät er in einen emotional unlösbaren Vater-Tochter-Konflikt. Afzal hat sich von einem einfachen Taxifahrer zu einem überaus erfolgreichen Taxiunternehmer hochgearbeitet und sich nach dem Tod seiner Frau zwölf Jahren lang liebevoll um die Erziehung seiner beiden nun erwachsenen Töchter gekümmert.

Mahwish möchte endlich die Frau ihres Langzeitfreundes werden, muss – da Afzal an den Traditionen seiner Vorfahren festhält – aber warten, bis ihre ältere Schwester Zarina, eine erfolgreiche Harvard Absolventin, verheiratet ist. Ihr hatte der Vater die Ehe mit ihrer ersten großen Liebe verboten, weil der katholische Collegestudent nicht konvertieren wollte. Nun sucht Afzal auf muslimlove.com, einem muslimischen Ehepartnerportal, einen Mann für sie. Natürlich ohne ihr Wissen hat er unter ihrem Namen Kontaktanzeigen aufgegeben und die Bewerber getroffen. In einer entwaffnend komischen Szene prüft er Eli, einen zum Muslim konvertierten Amerikaner, der in einer kleinen Moschee eine Suppenküche betreibt, auf Glaubensfestigkeit, Einkommen und Kinderwunsch. Dieser – inzwischen achte Kandidat – entspricht all seinen Vorstellungen und wird tatsächlich Zarinas Ehemann. Da sie ihn zufällig schon bei einem Vortrag der Islamkritikerin Ayaan Hirsi Ali kennen gelernt hatte, war sie sicher, dass er ähnlich wie sie weniger ein muslimisch-traditionsgebundenes als ein liberales, westlich orientiertes Leben führen möchte.

Die dramatisch hochexplosive Spannung des vielschichtigen Dramas entwickelt sich aus dem Zündstoff, der sich in dem Inhalt des Romans, an dem Zarina seit Jahren schreibt, verbirgt. In ihrem Porträt des Propheten hinterfragt sie dessen Frauenbild und versucht zu ergründen, WER Mohammed wirklich war – da nur Vordergründiges über ihn bekannt ist: Er war Araber, Aisha war seine Lieblingsfrau, er hat eine Zahnlücke, und so weiter… Brisant ist ihre Auslegung der Koranstellen über Mohammeds Heirat mit seiner Kusine Zaynab, die bis zur Scheidung die Frau seines Adoptivsohnes war. Sind seine Prophezeiungen nur Rechtfertigungen für seine verbotenen Gefühle? Zarinas Roman beginnt, als der Prophet seine ehemalige Schwiegertochter nackt sieht und wie er damit ringt, dass er die Frau seines Sohnes begehrt. Frau Nummer sieben ist der Grund für die Offenbarung über den Schleier. Den Vorhang. (Das arabische Wort ‚Hidschab‘ oder ‚hijab‘, das die Kopfbedeckung der Muslimas bezeichnet, bedeutet ursprünglich ‚Vorhang‘.)

Als Afzal zufällig das fertige Buchmanuskript von Zarina entdeckt, weiß der orthodoxe Muslim sofort, was das bedeutet. Nicht nur für ihn, sondern für alle, die an den Werten der Religion ihrer Heimat festhalten, ist es pure Blasphemie. Er ist zutiefst verletzt, gleichzeitig auch voller Sorge um die Sicherheit seiner Familie. In Pakistan würde man dafür getötet werden. (Das Kopfgeld auf Salman Rushdie, der wegen weit weniger brisanter Inhalte verfolgt wird, wurde 2016 auf fast vier Millionen Dollar erhöht.) Obgleich er seine Tochter verstößt, wirft man auch seine Fenster ein, und er verliert seine Firma. In diesem »Konfliktstoff, der in seiner Essenz ein großes Hohelied auf die Liebe darstellt, gibt es ein Happy End plus Aussicht auf eine Enkelin!« (Bernadette Lietzow, Tiroler Tageszeitung, 29.05.2018) Als Sohn pakistanischer Einwanderer kennt Akhtar die brennenden Fragen nach der Identität im Alltag von Migranten und gibt – auch in diesem Stück niemals einfache Antworten. »Im Stil eines intelligenten Konversationsstückes wird eine anrührende Tragödie erzählt. Akhtars Well-made play behandelt die interkulturellen Probleme mit eindringlicher Farbigkeit, gescheiter Präzision und gelegentlichen ironischen Akzenten, die dem Thema eine anregende Leichtigkeit geben.« (Rüdiger Krohn, Badische Neueste Nachrichten, 05.12.2018)

Noch einmal Daniel Kehlmann: »Ayad Akhtar ist genau der Schriftsteller, den wir brauchen.«



AYAD AKHTAR

Ich bin fest davon überzeugt, dass Kunst nicht nur als Selbstzweck besteht. Wenn Kunst eine moralische Dimension hat, dann die, den Zuschauer über sein eigenes Wertesystem reflektieren zu lassen, und dabei zu helfen, Widersprüche auszuhalten. Ein Bewusstsein zu entwickeln, nicht nur ein Gewissen zu haben.

PULITZERPREISTRÄGER AYAD AKHTAR ist einer der wichtigsten Dramatiker unserer Zeit.  Er arbeitet in den USA, seine Werke haben aber aufgrund unserer sozialen Globalisierung Allgemeingültigkeit. Ja, sie brennen den westlichen Gesellschaften förmlich unter den Nägeln.

Michaela Preiner, www. european-cultural-news. com, 06.06.2018


Regie: Felix Prader

Ausstattung: Anja Furthmann



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Kategorie: Theaterveranstaltungen